Leseprobe

Blut.

Seine Bedeutung – Leben. Oder Lebensende. Sein Farbspektrum – Rot bis Schwarz und vieles dazwischen.  

Blut bedeutete Verbindung. Zufällige, unfreiwillige. Bewusste und gewählte.  

Mit ihm wurden Kriege begonnen und Friedensabkommen besiegelt.  

Blut war für einige ein Lebenselixier, für andere ein Gift. Für den einen eine tödliche Waffe, für den anderen die unliebsame Versuchung.  

Manche wollten das ihre besonders reinhalten. Andere entdeckten neue Fähigkeiten durch seine Vermischung.  

Für manche brachte seine Herkunft Macht und Einfluss. Für andere Scham oder Angst.  

Nicht allein das Blut, das durch jemandes Adern floss, formte dessen Lebensweg. Aber es bestimmte darüber, welche Werkzeuge zur Verfügung standen. Es bildete das persönliche Startkapital in einer Welt, in der sich vieles um eben dieses rote Elixier des Lebens drehte.  

Wie jemand es einzusetzen vermochte, oblag ganz dem Einzelnen. Seinen Werten, seinen Beziehungen und seinen persönlichen Fähigkeiten. 

Vorwort

Diese Welt war auf Blut erbaut.  

Ganze Ströme hatten über Jahrhunderte Felder und Städte getränkt. Es färbte Erde und Stein dunkelrot und wurde somit zum Fundament von Macht und Erinnerung.  

Die rote Flüssigkeit entschied über Sieg und Niederlage, über Leben und Auslöschung.  

Menschen und Dämonen befanden sich im Krieg miteinander, seit so langer Zeit, dass sein Ursprung längst in Vergessenheit geraten war. Sie kämpften um Herrschaft, um Ressourcen, um den Fortbestand ihrer Art.  

Die Dämonen, langlebig und mächtig, beherrschten Kräfte, die wie Magie wirkten und die Menschen über Generationen hinweg das Fürchten lehrten. Manche nutzten sie, um die Welt nach ihrem Willen zu beugen – andere, um sich an den Schwächeren zu nähren.  

Die Menschheit setzte ihre Überzahl dagegen. Ganze Völker erhoben sich in Heeren, versuchten die Dämonen auszulöschen, und doch bezahlten beide Seiten das nicht enden wollende Massaker mit unzähligen Opfern.  

Unter ihnen aber gab es jene, die sich dem Blutvergießen widersetzten. Außenseiter, neugierig und unerschrocken, die an etwas anderes glaubten als an Tod und Zerstörung. Sie fanden Wege, sich zu verbünden – und Kinder zu zeugen, die nicht vollends Mensch und auch nicht ganz Dämon waren. Hybride. Ein neues Volk, geboren aus der Hoffnung auf Frieden.  

Ihre Existenz spaltete die Welt.  

Manche sahen in ihnen die Zukunft, andere Verrat am eigenen Blut. Verbote wurden erlassen, weitere Kriege geführt, immer im Namen der Reinheit und Tradition.  

Erst aus dem großen Pakt erwuchs eine fragile Einigung: Menschen und Dämonen legten Regeln fest, die Vermischung wurde erlaubt, Diskriminierung verboten, alte blutige Rituale verbannt.  

Das postpaktische Zeitalter begann – eine Ära des Fortschritts, der Wissenschaft, des Wiederaufbaus. Und in dieser neuen Welt entwickelten sich Städte, die von diesem Frieden profitierten. Unter ihnen stach eine besonders hervor: Velvaris.  

Einst ein Zufluchtsort für Verstoßene, wandelte sie sich zur Handelsmetropole, in der Kulturen aufeinandertrafen und sich vermischten. Fremde wurden in der Regel mit offenen Armen empfangen, solange sie der Gemeinschaft dienlich waren und das respektvolle Miteinander akzeptierten. Menschen, Dämonen und Hybride lebten hier Tür an Tür, alte Häuser lehnten sich an neue Bauwerke, Industrien wuchsen neben Gassen voller Tradition. Velvaris spiegelte die ganze Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Welt wider – ein Ort des Wandels, aber auch voller Spannungen. Denn Blut blieb ihr Fundament.  

Den Frieden aufrecht zu erhalten und das Zusammenleben aller Spezies zu gestalten erwies sich jeden Tag aufs Neue als eine nicht endende Herausforderung, der sich viele Einwohner immer wieder aus tiefster Überzeugung stellten.  

Kyle Corebound war einer von ihnen und er sollte sehr bald feststellen, dass viele Dinge in dieser Welt zerbrechlich waren. Und das traf nicht nur auf seine schlechte Kampfausrüstung zu.  

Kapitel 1

 „…ich bin sowas von am Arsch.“ Der junge Mann fuhr sich seufzend durch das zerzauste schwarze Haar und ließ den Kopf hängen. Der ausgeklappte Stadtplan vor ihm auf dem Couchtisch hatte schon bessere Tage gesehen. Die gefalteten Kanten brachen teilweise auf und darunter kam das Grau des recycelten Papiers zum Vorschein, auf dem die Stadt Velvaris im Maßstab 1:15.000 mit all ihren Details und Sehenswürdigkeiten abgebildet war. Über die Jahre hatte er dem Plan seine eigenen, persönlichen “Sehenswürdigkeiten” und besonderen Orte hinzugefügt, so auch den Shop seines aktuellen Lieferanten. 

„Nach der letzten Pleite, kann ich nicht schon wieder bei Credo antanzen…“ Kyle Corebound, seines Zeichens selbst ernannter Dämonenjäger, befand sich in einer Zwickmühle, aus der es diesmal scheinbar kein einfaches Entrinnen gab. Sollte er Credo erneut versprechen, dass er ihn alsbald bezahlen könnte? Vermutlich würde der Händler ihn lynchen, sollte er nochmal mit leeren Händen dort auftauchen. Immerhin schuldete er ihm bereits das Geld für seine letzte Bestellung. 

Sein Blick wanderte zur Seite und fiel unweigerlich auf das schartige Schwert, das noch bezahlt werden wollte. Vor zwei Nächten wäre er fast umgekommen – bei einem Kampf mit dämonischem Ungeziefer in der Kanalisation unter der Stadt hatte er sich beinahe das Schlüsselbein spalten lassen. Sein guter Instinkt hatte ihn vor Schlimmerem bewahrt, sodass er lediglich mit einer kleinen Wunde über den Rippen davongekommen war. Die brannte jedoch immer noch wie die Hölle, wenn er sich zu ruckartig bewegte.  

Eine mahnende Erinnerung.  

Bei dem nächsten, ernstzunehmenden Kampf mit einem Dämon würde dieses Stück Schrott, das sich als Schwert ausgeben wollte, sicher in tausend Einzelteile zerbersten. „Ich sterbe, während ich eine Blechbüchse schwinge…“ Er brauchte dringend eine richtige Waffe. Eine Klinge, die ihm gerecht wurde – eins mit ihm und seinem Körper sein würde. Eine bedeutsame, stilvolle Waffe.  

Träum weiter, Kyle. 

Er fixierte erneut den Plan, als würde das Stück Pergament ihm so eine Offenbarung darlegen. Natürlich geschah nichts. 

Mit einem Seufzen ließ er sich rücklings auf das Sofa fallen, während es unter seinem Gewicht protestierend quietschte. Es war mindestens genauso alt wie der Stadtplan von Velvaris, vielleicht noch älter. Er sollte sich endlich ein neues besorgen. Aber wozu, wenn er kaum zu Hause war? Sofern man dieses alte 1-Zimmer Apartment ein Zuhause nennen konnte.  

Nein, sein Zuhause waren die Dächer der Stadt und irgendwo da draußen, musste es jemanden geben, der ihm ordentliche Ware verkaufen oder anfertigen würde. Und für eben jene Traumklinge wollte er jeden Cent aufsparen. 

Gehen wir nochmal die Fakten durch: Du hast den letzten Auftrag versaut, kannst deinen üblichen Lieferanten nicht bezahlen und brauchst eigentlich Geld für eine richtige Waffe und außerdem jemanden, der sie dir verkauft, besser noch – speziell für dich anfertigt. 

„Immer noch am Arsch…“ sprach er nüchtern in die Dunkelheit seines Apartments.  

Die Beschaffung einer adäquaten Waffe hatte er bereits hartnäckig über den offiziellen Weg versucht. Ein Waffenschmied der velvarischen Gilden hatte ihm gegenübergesessen und kaum von seinem Arbeitsplatz aufgeblickt.  

„Du hast keine Lizenz“, brachte der Mann damals flach heraus. „Komm wieder, wenn du eine Lizenz hast.“  

Kyle biss die Zähne zusammen und presste ein „Wie soll ich eine Lizenz bekommen, ohne eine Klinge, die mit Dämonen dritter Klasse umgehen kann?“ 

Die weiteren Schmieden waren ebenso unbarmherzig gewesen. Einer hatte ihm nur ins Gesicht gelacht. Der Nächste versuchte ihm einen angeblich neu aufgearbeiteten zeremoniellen Dolch zu verkaufen. Allerdings stank der Kerl fürchterlich nach Alkohol und die Waffe war außerdem viel zu teuer. 

Er hatte über die Jahre mehrfach versucht die Schmiede der Gilde von sich zu überzeugen, bis er sich dann doch an die Halsabschneider auf dem Schwarzmarkt wandte – zumindest jenen, denen man einigermaßen vertrauen konnte. So stellte er den Kontakt zu Credo her, dem er bisher die meisten seiner Waffen zu verdanken hatte. Leider mit schwankender Qualität, aber was sollte er auch bei seiner eigenen ebenfalls unzuverlässigen Zahlungsfähigkeit erwarten? 

Niemand schien gewillt einem Möchtegern Dämonenjäger ohne nachweisbare Qualifikation und offizielle Lizenz Waffen zu verkaufen, geschweige denn anzufertigen. Bisher war ihm also nur der halblegale Weg geblieben, um an etwas zu gelangen, dass die Kehle eines „Klasse Eins“ Dämonen zu durchtrennen vermochte. 

Kyle schloss seufzend die Augen und verdrängte die unliebsamen Erinnerungen. 

Um eine Lizenz zu bekommen, musste er mindestens einen „Klasse Drei” Dämon zur Strecke bringen. Jedoch erwies sich das Töten eines Dämons der dritten Klasse, ohne entsprechende Ausrüstung, als unnötig lebensbedrohliches Unterfangen. Kyle hatte sich bereits zweimal in die Nähe eines solchen Monsters getraut und beide Male konnte er nur um Haaresbreite entkommen.    

Um solch ein Biest zu töten, benötigte er eine ernstzunehmende Waffe. Um diese zu bekommen, benötigte er eine Lizenz und entsprechende Liquidität. Diese wiederum erlangte er nur durch das Niederstrecken eines „Klasse Drei” Dämonen und sowieso, wer hatte sich dieses blöde System überhaupt ausgedacht?  

Irgend so ein Bürokratie-Nerd in der Paktverwaltung, ganz bestimmt.    

Dass die Regeln deshalb so streng waren, damit nicht zu viele Amateure mit Größenwahn, wofür ihn die meisten zweifelsohne hielten, unnötig ihr grausames frühes Ende fanden – also zu ihrem eigenen Schutz bestanden – kam Kyle dabei weder in den Sinn, noch respektierte er eine derartige Bevormundung. Vor all den anderen Grausamkeiten des Lebens schützte einen die Paktverwaltung ja auch nicht, warum also vor Dummheit und Leichtsinn?  

Nur, dass ich weder das eine noch das andere bin. 

Die Jagd nach niederen Dämonen und Mischlingswesen, die die Sicherheit der Bewohner der Stadt gefährdeten, war ein ehrenwerter, aber harter Job. Diesem verschrieben sich nur sehr gut ausgebildete Kämpfer – meist Hybride oder höhere Dämonen – mit entsprechender Ausbildung, oder gelegentlichem Todeswunsch.  

Kyle besaß beides nicht und das machte es ihm umso schwerer sein Ziel zu erreichen.  

„Zeit für einen Strategiewechsel.“ 

Er griff blind nach der schwarzen Strickmütze neben sich und zog sie sich beim Aufstehen über das wild abstehende Haar, welches er immer zu einem langen tiefen Zopf im Nacken gebunden trug. Das hatte er sich bei Samuraifilmen abgeschaut. Das schartige Schwert schnallte er sich auf den Rücken und ehe er sich versah, stand er auf dem Rand des gegenüberliegenden Daches bereit in die Abenddämmerung zu verschwinden. Der Blick über die friedliche Nachbarschaft klärte wie so häufig seine Wahrnehmung und die kühle Nachtluft tat ihr Übriges, um seinen Geist von unerwünschten Gedanken zu befreien. Ein bisschen Frieden, an dessen Aufrechterhaltung er mitwirkte, so gut er konnte. 

Es gab zwei Wege zu seinem aktuellen Ziel: Entweder er würde einen oder mehrere einfache Aufträge ergattern, die das Schwert überstehen würde, und konnte dann Credo bezahlen, oder er würde jemanden finden, dem er noch nichts schuldete. Wie schwer konnte das schon sein? 

*** 

Das Neonröhren-Leuchtschild über dem Devils Backbone flackerte gemeinsam im Takt mit dem dumpfen Bass, der aus der Bar auf die Gasse dröhnte. Kyle zog die Mütze etwas tiefer ins Gesicht, als er sich an den Gästen, die vor der Tür herumlungerten, vorbei quetschte. Im Vorbeigehen fielen ihm ein paar bekannte Gesichter auf. Auch solche, die er schon mehr als einmal für Xander, den Besitzer des Devils, aus der Bar gekehrt hatte. 

Zur Begrüßung stieß er seine geschlossene Faust an die des Türstehers. „‘Nabend, James.“ Der stumme Halbdämon nickte und lies ihn herein. Kyle konnte die neidischen und zugleich missbilligenden Blicke, die sich in seinen Rücken bohrten, förmlich spüren. Ein kleiner Triumph in dieser manchmal etwas unfairen Welt. 

Das Devils war selbst für einen Samstagabend ungewöhnlich voll. Drinnen quetschten sich Besucher in jede noch so kleine Ecke und der lange, freistehende Tresen im Zentrum war umringt von Hybriden, einer Handvoll Menschen und… war das ein hoher Dämon? Welch seltener Besuch. Womöglich war der Typ, der aussah, als wäre er in einen Topf voll Gold gefallen, der Auslöser für diesen Ansturm. Jeder und Jede wollte einen Blick auf ihn erhaschen und sich anbiedern. 

Kyle rümpfte die Nase und zog die entgegengesetzte Richtung vor. Er manövrierte sich fast mühelos durch die Gäste und schob sich am abgewandten Teil der Theke zwischen zwei Personen, die nicht mehr ganz so frisch aussahen. Die würden ihn für den Moment wohl in Ruhe lassen. 

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und nahm den vertrauten Geruch von Alkohol, feuchtem Gestein und altem Holz auf, der jeden Tag der Woche in dem ehrwürdigen Gemäuer waberte. Niemand wusste so recht, seit wann diese Bar bestand, oder seit wie vielen Jahren dessen ikonischer Besitzer sie bereits führte. Wen man auch fragen würde, das Devils war so alt wie die Stadt selbst und sein Inhaber „schon immer da“. 

Es dauerte eine Weile, bis die junge Frau hinter der Theke Kyle bemerkte und ihn nach seiner Bestellung fragte. Er orderte das für ihn Übliche und sah dabei zu, wie sie zur anderen Seite der Bar verschwand, wo ihr Boss gerade damit beschäftigt war den VIP des Abends zu versorgen. Der hohe Dämon, zweifellos irgendein Adelsgeschlecht, musste spontan mit seiner Entourage im Devils gelandet sein, denn bei so hohem Besuch hätte Xander normalerweise für mehr Personal am Abend gesorgt. Für einen kurzen Moment überlegte Kyle, ob er vielleicht einspringen sollte, schließlich hatte er in seiner Jugend häufiger mal hinter der Theke und um sie herum ausgeholfen, vorrangig aber als Rausschmeißer. Eigentlich passte es ihm zeitlich nicht so recht und ehe er weiter darüber nachdenken konnte, lallte der betrunkene Halbdämon neben ihm etwas Unverständliches in sein leeres Glas, rutschte wankend von seinem Hocker und torkelte wie in Trance davon. 

 Kyle sah ihm noch nach, als der bestellte Cuba Libre vor ihm abgestellt wurde. 

„‘Tschuldige, is waanzinnig wat los. Hier, Xander sagt der jeht aufs Haus.“ Bevor er ihr danken konnte, war sie auch schon wieder verschwunden und nahm die nächsten Bestellungen auf. Auch mit ihren zwei zusätzlichen Armen, kam Ora – ihr Name war ihm wieder eingefallen – nicht viel schneller voran als ihr Vorgesetzter und Inhaber des Devils Backbone. 

Xander, ein hochgewachsener Dämon mit einem grünen und einem goldenen Auge, sowie dunklem, welligen Haar, hatte den Laden und seine Gäste immer im Griff. Selten hatte Kyle ihn in der Zeit, in der sie sich kannten, gestresst, nervös oder wütend erlebt. Er war wie ein unbeugsamer Fels in der Brandung, der jedem Halt geben konnte, der ihn brauchte. Auch Kyle hatte vor etlichen Jahren davon profitiert.  

Niemand kannte Xanders tatsächliches Alter, was typisch für Dämonen und Hybride war, aber nach menschlichem Maßstab würde Kyle ihn auf Mitte vierzig schätzen – seit mindestens fünfzehn Jahren. 

“Hey Arden, hier ist noch was frei!” 

Bevor der selbsternannte Dämonenjäger reagieren konnte, wurde er mit unangemessener Wucht in die Person zu seiner Linken geschoben. Ihm lag bereits ein frecher Spruch auf der Zunge als goldene Augen mit schmalen Pupillen in sein Sichtfeld traten. “Ist doch so, richtig… Corebound…?” Kyles Name kroch dem Halbdämon, der neben ihm aufgetaucht war giftig von den Lippen. So als wolle er ihm nicht so richtig schmecken.  

Blaue Augen musterten den Neuankömmling, der nun lässig an der Theke lehnte. Kyle kannte ihn. Er war der Speichellecker von Arden Verrick, einer großen Nummer in der Gegend. Zumindest unter den Freelancern hatte er es geschafft sich einen Namen zu machen. Kyle seufzte und machte ein wenig Platz. “Klar, wollte eh grad ‘ne Runde drehen, Zek.” Zeks gehässiges Grinsen entging ihm nicht, jedoch hatte er heute Abend weder Lust noch Zeit für Streit. 

Eine schwere Hand klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und Arden – ein breitschultriger Halbdämon mit ebenso massivem Schwert als Waffe seiner Wahl – nahm Kyles Platz ein. Wie schaffte dieser Idiot es dermaßen erhaben zu wirken, wo er doch gerade so viel Würde besaß, wie unter Kyles Schuhsohle passte? “Das ist nett Junge.” Das Lächeln des Veteranen wirkte unecht und als Kyle sich mit seinem Drink in der Hand zum Gehen umdrehen wollte, ließ die Hand ihn nicht sofort los. 

“Was noch…? Hab’ ich vergessen Euch gebührend Eures Titels anzusprechen?” Die Worte hatten seinen Mund bereits verlassen, als ihn zwei Augenpaare erst abschätzig ansahen, aber dann in ein amüsiertes Lachen übergingen. Arden klopfte ihm noch ein weiteres Mal demonstrativ auf die Schulter. “Danke würde reichen, denn ich hab’n Tipp für dich, Kleiner.” Der große Hybrid beugte sich zu ihm vor und nickte in Richtung einer Ecke des Raumes. “Hab‘ da ein paar wilde Geschichten über singende Waffen und so’n Zeug gehört. Ein gildenloser Schmied der besonderen Art, nimmt nicht jeden Auftrag an… aber wer weiß, vielleicht hast du ja Glück? Mein Gefühl sagt mir…”  

Er legte absichtlich eine kurze Pause ein und musterte das Schwert auf dem Rücken des Kleineren “…dass du dich nach einer besseren Waffe umsehen möchtest. Nicht das wir ein weiteres, unnötiges Todesopfer in unseren Reihen verzeichnen müssen.” 

“Wie zuvorkommend, wusste nicht, dass du so ein warmherziger Kerl bist.” Die Sache stank zum Himmel, aber Kyle konnte seinen Blick nicht von der Gruppe abwenden, die Arden anvisiert hatte. Irgendwas war faul an der Geschichte, war doch der ältere Hybrid nicht gerade für seine Kameradschaftlichkeit bekannt. “Wusste ich es doch. Sag mir einfach Bescheid, ob es funktioniert hat und wir sind quitt.” 

Entgegen seinem berechtigten Misstrauen nickte Kyle und entzog sich endgültig Ardens Griff, um der neuen Brotkrumen-Spur zu folgen. Andernfalls würde er nicht herausfinden, was an der Sache dran war oder ob und wie Arden ihn aufs Kreuz legen wollte. Zugegebenermaßen machte ihn das zusätzlich neugierig. Warum sollte sich der selbsternannte König der „Freelancer” um einen Fußsoldaten scheren? Vielleicht hatten seine Taten sich mittlerweile so weit rumgesprochen, dass sie selbst bei Arden ankamen. 

Die Gruppe auf die er sich zu bewegte, wirkte auf den ersten Blick wahllos zusammengewürfelt. Ein Haufen Typen, die sich zufällig in einem der Hotspots von Velvaris getroffen haben, um einen zu trinken. Kyle wusste es besser. Diese Truppe hatte sich mit Bedacht zusammengefunden, vermutlich über mehrere Jahre hinweg. Es kam zwar hin und wieder vor, dass sich unter den freien Dämonenjägern – von Insidern „Freelancer“ genannt – Teams bildeten, jedoch hatte er noch nie ein so großes gesehen. Ein Mensch war natürlich nicht dabei. 

“Hey Leute, willkommen im Devils. Hab’ euch hier noch nicht gesehen, was führt euch her?” Kyle grinste schief und schob sich uneingeladen mit auf die schon gut besetzte Bank. Der Blick in die Runde zeugte zwar nicht von Gastfreundschaft aber auch nicht von Ablehnung. Gut, er würde zumindest nicht direkt wieder fortgejagt werden.  

Der kräftig gebaute Hybrid mit leicht gebräunter Haut direkt neben ihm wandte sich ihm als Erstes leicht angewidert zu. “Wüsste nicht, was dich das angeht… Mensch.”  

Da war es wieder, das Stigma, das Kyle selbst gewählt hatte. Zugegeben, es kam selten vor, dass normale Menschen, mit ihren in der Regel mittelmäßigen athletischen Fähigkeiten und eher kurzem Leben, sich für den Berufszweig der Dämonenjagd entschieden. Allerdings hatte er als Jäger bereits einiges vorzuweisen, trotz mittelmäßiger Ausrüstung. Dutzende Dämonen der ersten und zweiten Klasse konnte er in den Außenbezirken und seinem eigenen Viertel zur Strecke bringen und somit für mehr Sicherheit auf den Farmen im Umland sorgen.     

Kyles Fähigkeiten bei der Dämonenjagd waren, seiner Meinung nach, recht solide. Mangelhafte Waffenqualität glich er mit Geschicklichkeit, Flexibilität und seiner ausgeprägten Improvisationskunst in allen Belangen aus. Seine Instinkte waren sehr gut, sein Bauchgefühl etwas, worauf er sich stets verlassen konnte. Seine Methoden – manchmal etwas fragwürdig.  

Einigen anderen Freelancern war er dadurch bereits ein Dorn im Auge, hatte er sich in seinem Stadtteil doch als so verlässlich erwiesen, dass die Bewohner ihn mit ihren Anliegen lieber direkt aufsuchten, statt Aushänge zu machen.   

“Naja, ich kenn mich in der Gegend aus, hab ‘nen guten Draht zum Besitzer.” Er deutete mit dem Daumen blindlings über die Schulter zur Bar. “Und weiß, wie man an die großen Fische kommt.” Ein Lachen ertönte in der Runde und den Gläsern wurde erneut Aufmerksamkeit geschenkt. Der Hybrid mit eingerollten Hörnern gegenüber Kyle fixierte ihn und schnalzte mit der Zunge. “Du? Beweis es, spendier‘ uns ‘ne Runde aufs Haus.”  

Der menschliche Jäger zuckte gelangweilt mit den Schultern. “Geht klar.” Er hob den Arm, deute mit vier ausgestreckten Fingern vier Drinks an und musterte die Dämonenjäger vor sich. Einer von ihnen war recht schmal und klein, dafür vermutlich wendig. Der Typ neben ihm war sicher dafür zuständig, wenn es grob wurde, der Gehörnte nutzte scheinbar zwei Kurzklingen – so wie Zek, Ardens Lakai – ein Indiz für Schnelligkeit und Präzision. Nur der Letzte im Bunde wollte sich nicht so recht zuordnen lassen, war er neu hinzugestoßen? 

Tatsächlich dauerte es keine fünf Minuten und Ora manövrierte bewaffnet mit vier voll beladenen Tabletts auf sie zu. “Kannste mir ma helfe?” Kyle stand auf und nahm die bestellten Drinks von einem der Tabletts bevor Ora weiter huschte, um andere Tische zu bedienen. Er schob sie den Hybriden locker zu, so als kannten sie sich bereits weitaus länger als zwei Minuten und musterte dabei weiterhin unauffällig ihre Mimik und Körpersprache. 

“Also? Großer Auftrag? Auf der Suche nach einem oder was treibt euch her?” Der Muskelprotz neben ihm nickte zu der Person, die nicht so richtig in die Gruppe passte. “Wir haben gehört, hier in der Gegend soll es besondere Waffen geben.”  

“Die singenden Waffen?” Prustete Kyle einfach los und zog damit die Aufmerksamkeit komplett auf sich. Er hob abwehrend die Hände. “Hab auch nur davon gehört… ist es wahr?” Der vermeintliche Außenseiter in der Runde senkte den Kopf und nickte stumm.  

Irgendwas stimmt hier nicht.  

Kyle lehnte sich etwas mehr über den Tisch und drückte seinen unfreiwilligen Sitznachbarn weiter zur Seite in dessen Teamkameraden hinein. “Sag schon!” Kyle ignorierte den unsanften Hieb in seine Rippen, welcher der Zurückeroberung des Platzes auf der Bank dienen sollte gekonnt und beobachtete stattdessen den scheinbaren Außenseiter. Seine Haut lumineszierte bläulich je nach Lichteinfall. “Erzähl ihm, was du uns erzählt hast!” befahl “Hörnchen” mit einem auffordernden unsanften Klopfen auf den Rücken des Hybriden neben ihm. Ermutigung sah anders aus. 

“Ich… “ setzte dieser an, sprach jedoch nicht weiter. Grüne Augen blickten verstohlen zur Seite. “Erzähl‘s ihm Danny. Du weißt was passiert, wenn an der Geschichte, die du herumerzählst, nichts dran ist, oder?” Der Angesprochene flüsterte mantraartig „Mein Name ist Dandelion“, aber das schien den Rest der Runde nicht im Geringsten zu tangieren. 

Kyle verstand die Situation allerdings sofort und nickte dem sichtlich beunruhigten Halbdämon aufmunternd zu. “Ja, wenn sich hier drin einer danebenbenimmt, hat das in der Regel Konsequenzen.” Er hoffte, dass Dandelion die versteckte Nachricht verstehen würde.  

Dieser heftete seinen Blick nun auf Kyle und sah ihm tief in die Augen, fast schon durch ihn durch. “Es heißt, dass ein Dämon hier in der Gegend eine Schmiede führt. Und er schmiedet nach alter Tradition, erschafft Waffen von solcher Reinheit, dass sie nur dem Träger gehorchen, eins mit ihm werden. Manche von ihnen entwickeln sogar Fähigkeiten.” Dandelions Augen begannen zu leuchten, je länger er redete. “Sie vibrieren, wenn sich Dämonen in der Nähe befinden oder lassen den Träger stärker oder schneller werden!” Kyle traute seinen Ohren nicht, solch eine einzigartige Schmiede sollte in Velvaris zu finden sein und er hatte davon noch nie etwas gehört? Kein Wunder, dass die Gruppe skeptisch war und ihm sogar drohte. Aber wenn da was dran war… “Klingt ja zu gut, um wahr zu sein, wo ist der Haken?”  

“Er schmiedet nicht für jeden und vor allem nicht für Menschen.” schoss es aus ihm heraus und traf Kyle wie ein Pfeil direkt ins Herz. Die Runde begann gehässig zu lachen. An solche Reaktionen war der Schwarzhaarige jedoch seit Jahren gewöhnt und machte sich nichts weiter daraus. “Und das weißt du so genau, weil du den Typ schon mal getroffen hast?” Das Leuchten in den grünen Augen verschwand und “Hörnchen” antwortete stattdessen für ihn. “Nein, hat er nicht, aber er wäre so, so gern sein Schüler! Nicht wahr, Danny?” Jetzt lachten nur noch die anderen beiden woraufhin sie gemeinsam anstießen und ihre von Kyle bestellten Gläser leerten. Dieser hatte genug gehört und gesehen. “Hey Danny, wenn du mal Hilfe brauchst, komm an die Bar.”  

Als Kyle aufstehen wollte, schnellte die Hand vom Muskelprotz vor und hielt seine Schulter fest umschlossen. Warum wollte ihn heute Abend nur jeder anfassen?  

“Du willst schon gehen? Du hast dich nicht mal vorgestellt, fragst unsere Quelle aus und ich finde, das kostet dich noch ‘ne Runde, nicht wahr Jungs?” Der halbe Tisch nickte und brummte zustimmend, Danny sah beschämt zur Seite.  

Blaue Augen wanderten von der gebräunten, kräftigen Hand langsam in das zugehörige Gesicht. “Das Einzige, was ich euch dafür schulde, ist ein zugedrücktes Auge für euer Benehmen.” Er wandte sich seinem gehörnten Gegenüber zu und lehnte sich leicht über den Tisch vor, den Blick herablassend auf ihn gerichtet. “Denn so wie ich das sehe, bedroht ihr einen rechtschaffenen Bürger dieser Stadt, sollte seine “Geschichte” nicht stimmen.” Kyle entglitt der Pranke auf seiner Schulter geschmeidig, erhob sich langsam, baute sich vor dem Tisch auf und ließ die Augen noch einmal abschließend über alle Gesichter wandern. “Sollte mir zu Ohren kommen, dass ihr Dandelion auch nur ein Haar gekrümmt habt, dann jage ich Euch wie Tiere und ihr werdet es nicht kommen sehen. Werdet mich nicht hören. Erst wenn es zu spät ist, werdet ihr euch daran erinnern was für miserable Nebencharaktere ihr wart und ihr werdet jede eurer Taten bereuen.”  

Der Mensch lehnte auf beide Hände gestützt über dem Tisch. Seine Ansprache hatte zumindest für den Moment Eindruck hinterlassen, denn selbst als er sich umdrehte und zurück zur Bar ging, blieb der Tisch stumm. 

1:0 für mich! Hah, Corebound du hast es einfach drauf. 

“Gibts Ärger da hinten?” Xander hatte wirklich ein Näschen für sowas, denn just, als er den Ellbogen auf die Theke stützte, stand er bereits vor ihm. “Erstmal nicht denke ich, aber behalt den Tisch im Auge, scheinbar folgen die Jäger einem Gerücht und der arme Bengel mittendrin hat es ihnen erzählt. Wenn du verstehst.” Der Barkeeper nickte verständnisvoll. “Und um was für eine wilde Geschichte geht es?” “Wild trifft es wohl ganz gut. Sie suchen nach einem Schmied der nach alter Tradition schmiedet und “Wunderwaffen” herstellen kann.” Kyle fuchtelte mit der Hand in der Luft rum. “Klingt nach einem Märchen, wenn du mich fragst.” Xander lachte kurz auf. “Oder nach verdammt guter Werbung.” Diese Reaktion machte den Dämonenjäger misstrauisch und das verschmitzte Glitzern in dem verschiedenfarbigen Augenpaar des Größeren tat ihr übriges für seine Schlussfolgerung. “Warte… das hörst du nicht zum ersten Mal.”  

“Tatsächlich nicht, und ich glaube ich weiß auch, wer diese Gerüchte verbreitet.” Kyle brauchte einen Moment, ehe ihm etwas klar wurde. “Warte… du kennst diesen Schmied? Warum weiß ich davon nichts?!” 

“Zuallererst ist es kein Gerücht, dass er nicht für Menschen arbeitet.” entgegnete Xander ruhig, während er das gerade frisch polierte Glas in seiner Hand betrachtete. “Ist mir egal, wo finde ich ihn?” Kyle verringerte ihren Abstand zueinander, indem er sich enthusiastisch über die Theke lehnte, aber Xander sah ihn nicht direkt an, sondern stellte das nun lupenreine Glas gelassen zurück zu den anderen. “Du hast es doch gehört, irgendwo hier in der Gegend, im Westviertel.” Kyle ließ sich genervt zurück auf den Hocker sinken. “Komm schon Xander, du weißt doch sicher, wo er arbeitet, wenn du ihn kennst.” 

“Ja, ich weiß, wo Ezra seine Schmiede führt, aber ich respektiere die Wünsche meiner Gäste, Kyle.” Blaue Augen musterten das ernste Gesicht und die gehobene Augenbraue seines Gegenübers. Der Barkeeper war eine der besten Informationsquellen, die er kannte, aber er war ebenso diskret, weshalb nachbohren ihn nicht weiterbringen würde. 

“Ezra… kommt also ab und zu her?” Der Hybrid ließ sich so lange Zeit mit der Antwort auf die Frage, dass Kyle schon nicht mehr mit einer gerechnet hatte. “Gelegentlich.”  

“Und er führt eine freie Schmiede… stimmt das?” Xander nickte schweigend, während er nebenbei begann weitere Drinks für Ora zu mixen.  

Die Chancen standen gut, dass sich ein freier Schmied weder um Lizenzen noch sonstige Qualifikationen scherte. Er hätte nicht gedacht, dass er in dieser Stadt überhaupt gildenlose Schmiede finden würde. Was war Ezra wohl für ein Typ? Warum arbeitete er nicht mit Menschen? War er auch jemand, der Menschen für Schwächlinge hielt, die sich besser aus der Dämonenjagd raushielten? Das wäre etwas, was er natürlich nicht zum ersten Mal hören würde.    

Der Barkeeper musste seine Frustration spüren, den er schob ihm mit einem milden Lächeln einen neuen Cuba Libra zu, darunter eine Serviette mit einer Notiz. “Weißt du Kyle, ich kenne da jemanden der sehr gut darin ist mit Dämonen umzugehen, obwohl er ein Mensch ist. Aber er sollte sich nicht zu viele Hoffnungen machen.”  

„Xander, du bist der Beste!“ Kyle grinste breit und ignorierte die Warnung, während er die Adresse in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Er atmete tief ein, nun wieder voller Hoffnung auf einen weiteren Schritt nach vorn und widmete sich seinem Longdrink. Im Kopf ging er bereits den schnellsten Weg zu seinem neuen Ziel durch. Was auch immer dieser Ezra für ein Problem mit Menschen hatte, er würde ihn überzeugen. Wenn es nötig war mit allen Mitteln. 

***   

Keine Stunde später fand Kyle sich vor einem metallenen Rolltor wieder. Das Mauerwerk des umgebenden Gebäudes war von Ruß geschwärzt. Die vermeintliche Schmiede befand sich in einem alten, spärlich bewohnten Industrie-Stadtteil, der nicht allzu weit von Kyles Wohnung entfernt war, den er aber bisher nie wirklich bewusst besucht hatte. Denn das Westviertel war nicht besonders bekannt für Sehenswürdigkeiten, nicht oft von Dämonen heimgesucht und auch sonst eher alt, zerfallen und unscheinbar. Unglaublich, dass eine so besondere Schmiede zwischen diesen alten Wohn- und Gewerbegebäuden versteckt sein sollte. Aber hier war er nun und brannte darauf zu erfahren, was an den Gerüchten dran war. Selbst wenn der Tipp ursprünglich von Arden kam, die Tatsache, dass Xander den Schmied kannte und bereit war ihm seine Adresse zu geben beruhigte ihn irgendwie. 

Mach dir keine großen Hoffnungen. Wir werden sehen. 

Kyle berührte das Metall des Tores mit seinen Fingerspitzen und lauschte. Die etwas rostige Oberfläche war warm. Die Luft um ihn herum vibrierte leicht – als würde eine immense Kraft hinter diesen Mauern gerade so im Inneren des Gebäudes gebändigt werden. War an der Geschichte wirklich was dran? 

Der Amateurjäger trat einen Schritt zurück und betrachtete die großen, weißen Buchstaben oberhalb des Tores. The Hollow Flame – mehrfach nachgemalt mit einem Pinsel und wenig Sorgfalt. Nicht sonderlich Vertrauen erweckend, aber definitiv der richtige Ort. Kyles Puls beschleunigte sich, er war aufgeregt und konnte es kaum erwarten. 

Er bemerkte aus den Augenwinkeln eine schmalere Tür rechts neben dem Tor. “Ist das der Eingang? Hat der Mann Öffnungszeiten oder sowas?” Als der Jäger keine weiteren Anhaltspunkte vorfinden konnte, drückte er kurzerhand gegen die Tür, die daraufhin unerwartet leicht und geräuschlos aufsprang.    

Was sie freigab, war eine vermeintlich chaotische Szene aus Rauch, Flammen und Metall. Mittendrin und hochkonzentriert schwang ein Mann einen großen, eisernen Hammer – es musste sich um Ezra handeln. Das Innere der Schmiede wirkte nahezu lebendig, und das obwohl dort nur dieser einzige Schmied zu arbeiten schien.  

Funken tanzten im wilden Spiel aus Schatten und Licht. Die Luft roch nach Öl und Ruß. Die Wände waren übersäht mit verschiedenen Werkzeugen, Material, Waffen oder Teilen davon. Vermutlich Ausstellungsstücke oder fertige Aufträge, das war schwer zu sagen. Alles wirkte wild zusammengewürfelt, doch Kyle wäre naiv gewesen, hätte er nicht gewusst, dass jeder Schmied, der etwas auf sich hielt, seiner ganz eigenen Ordnung folgte.  

Ein schmaler Tresen trennte den Eingangsbereich von der Werkstatt. Kyle trat ein und sog alle Eindrücke in sich auf.   

Die Esse neben dem Schmied brannte. Sein Shirt klebte an seinem verschwitzten Rücken, seine blasse Haut glühte warm im Schein des Schmiedefeuers. Das schulterlange Haar leuchtete fast schon unnatürlich weiß und war locker im Nacken zurückgebunden. Einzelne Strähnen hafteten an seinen Schläfen. In stetigem Rhythmus fuhr der Hammer in Ezras rechter Hand immer wieder auf dieselbe Stelle seines Werkstücks nieder, um es zu formen. 

Erst auf den zweiten Blick erkannte der Jäger, was die Gerüchte über alte Traditionen wohl zu bedeuten vermochten. In der Luft um Ezras Oberkörper herum schwebten feine rote Fäden. Kaum sichtbar und nur gelegentlich erleuchtet vom Schein des Feuers. Sie schienen durch den Raum zu tanzen und dann in die Klinge auf dem Amboss zu fließen und mit ihr zu verschmelzen. 

Ist das sein… Blut? 

Der Jäger beugte sich weiter über den Tresen vor und begann nach Hinweisen für seine Vermutung zu suchen. Er bemerkte feine Schnitte in Ezras linkem Unterarm – so fein, dass sie kaum zu sehen waren. Es war tatsächlich sein Blut. 

So etwas Seltsames hatte er noch nie gesehen und er hatte schon viel erlebt. Wie ein uraltes magisches Ritual, so wirkte die Situation auf Kyle. Und je länger er diesen Ezra bei seiner Arbeit beobachtete, desto mehr fühlte er sich wie ein Fremdkörper, wie ein Eindringling, der unerlaubt heiligen Boden betreten hatte. Und doch – für eine ganze Weile gelang es ihm nicht seinen Blick abzuwenden. Der Dämonenschmied war… beängstigend und faszinierend zugleich.   

Der Halbdämon sah unterdessen nicht ein einziges Mal zu ihm auf. Es war jedoch sehr unwahrscheinlich, dass er ihn nicht bemerkt hatte. Mit einer ziemlich großen Sicherheit sogar ignorierte er ihn wohl ganz bewusst.  

Kyle verlagerte unsicher sein Körpergewicht, bevor er sich schließlich räusperte. Keine Reaktion. Er versuchte es ein weiteres Mal etwas lauter. Immer noch nichts. Merklich ungeduldiger bellte er “Hey!”.   

Der Schmiedehammer hielt mitten im Schwung inne. Der Halbdämon drehte seinen Kopf sehr langsam in Kyles Richtung. Scharfe glühend rote Augen fixierten den Eindringling, so als wäre der Jäger seine nächste Beute. 

Kyles Atem stockte ihm in der Kehle. Ezra ließ den Hammer sinken und richtete sich zu voller Größe auf. Die roten Fäden um ihn herum verschwanden nicht. Sie schwebten lebendig in der Luft und warteten geduldig auf ihren weiteren Einsatz.  

“Was?” Erklang seine raue Stimme, genervt und bedrohlich zugleich. Kyle straffte seine Schultern und versuchte die Anspannung mit Bravour zu überspielen.  “Mein Name ist Kyle Corebound. Und ich will, dass du mir eine Waffe schmiedest.” Der Angesprochene blinzelte einmal, schnaubte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. “Ich schmiede nicht für Menschen. Verschwinde.” Sein Tonfall war nun gleichgültig, als würde er lästigen Staub von seinem Tresen wischen.   

So einfach lasse ich mich nicht abwimmeln! 

Kyles körperliche Anspannung nahm zu, während er einen Schritt in Ezras Richtung machte. “Ich meine es ernst.” Der Jäger spürte einen Hauch von Bewegung in der Nähe seines Augenwinkels, ehe seine Wange brannte, als hätte er sich an der Kante eines Blatt Papiers geschnitten. Instinktiv fasste er sich ins Gesicht und spürte Feuchtigkeit.  

Wie hat er das gemacht!?   

Sein Blick wanderte kurz zu seinen blutroten Fingerspitzen und dann zurück in die harten Augen seines Gegenübers. Anstatt zurückzuweichen, erwiderte er den Blick des Dämons entschlossen. “Und ich sagte,” wiederholte der Schmied, nun mit mehr Nachdruck, “Ich mache keine Geschäfte mit Menschen.”  

Der Schwarzhaarige atmete tief durch, was ihm allerdings von Sekunde zu Sekunde schwerer fiel. Die Luft in der Schmiede wirkte auf einmal heißer als zuvor, stickiger. Das Feuer knisterte lautstark über schwarzen Kohlen. Das Blut auf seiner Wange kitzelte, während einige Tropfen lautlos im Stoff seines Kragens verschwanden. Ein für Kyle unendlich langer Moment verging, in dem sich die beiden Männer schweigend anstarrten. Dann entschied der Jäger, dass er zum falschen Zeitpunkt gekommen war und sein Glück heute nicht weiter herausfordern sollte. Zumindest ahnte er jetzt womit er es zu tun hatte. 

Er drehte sich um, schritt langsam zur Tür. Bevor er in die erlösende kühle Nachtluft hinaustrat, sah er noch einmal über seine Schulter und verkündete ein verheißungsvolles “Ich komme wieder,” woraufhin er die Tür hinter sich und seinem vermeintlichen Versprechen ins Schloss fallen ließ.    

Der Halbdämon stieß ein müdes Seufzen aus, ehe sein Blick zurück zu der Klinge wanderte, die auf seinem Amboss noch schwach glühte. Er hasste es unterbrochen zu werden. Vor allem von so einem dahergelaufenen… was stellte der eigentlich dar? Einen Dämonenjäger? Ja, ab und zu traf er auf diese ambitionierten Menschen, die sich in dem Business versuchten. Völlig verrückt waren die. Er hatte eigentlich gehofft, dass seine neue Marketingstrategie genau diese Art von Interessenten abschrecken statt anziehen würde. Das musste er wohl nochmal überdenken. 

Allerdings, neben seinem offensichtlichen Übermut, schien dieser Mensch ziemlich abgebrüht zu sein. Nicht einmal mit der Wimper gezuckt hatte er, als Ezra nachdrücklich seinen Standpunkt klar gemacht hatte. “Wie dem auch sei…”, der Schmied machte sich wieder an die Arbeit, betrachtete sein Werkstück und drehte es mit der Zange im gedimmten Licht umher, ehe er es erneut auf Temperatur brachte.  

Der schwarzhaarige Störenfried beschäftigte ihn ungewollt noch eine Weile. Vor allem diese blauen Augen. Sie waren so klar und unnachgiebig, dass es Ezra sogar ein wenig beeindruckt hatte. Und irgendetwas war da noch, aber so recht konnte er dieses… Gefühl oder war es eine Erinnerung? Er konnte es nicht ganz greifen.  

Der Mensch war nicht der erste Dämonenjäger, der verzweifelt an seiner Tür geklopft und nach einer Waffe verlangt hatte. Für Befehle hatte der Schmied jedoch nicht viel übrig. Er schätzte es viel mehr, wenn seine Arbeit entsprechend gewürdigt wurde. “…ich will das du mir eine Waffe schmiedest…” brummte Ezra genervt. Wenige von diesen lebensmüden Affen – egal ob Mensch, Hybride oder Dämonen – hatten seiner Meinung nach auch nur im Ansatz begriffen, was es wirklich bedeutete, eine seiner Waffe zu führen. 

Der Blutdämon rollte mit den Schultern und tat sein Bestes diese Gedanken zu verdrängen. Vor ihm lag eine lange Nacht und den Typen würde er wahrscheinlich so schnell nicht wieder sehen.   

***   

Das fahle Morgenlicht, dass langsam durch die Oberlichter kroch, ließ die Schmiede kälter wirken, als sie eigentlich war. Der Ofen glühte nach wie vor, aber schwächer. Ezra hatte die ganze Nacht durchgearbeitet. Etwas, was er häufiger tat – zu später Stunde gab es weniger Ablenkungen (wenn man von durchgeknallten Menschen absah) und im nächtlich meist leerstehenden Industrieviertel musste er sich auch keine Gedanken über Ruhestörungen machen. 

Der Dämonenschmied legte den Hammer zur Seite und bereitete sich mit dem Enthusiasmus einer schlaflosen, aber produktiven Nacht darauf vor, seine Werkstatt noch einmal durchzulüften, bevor er sich seine wohlverdiente Dusche gönnen und endlich etwas Schlaf nachholen würde. Die Regeneration eines Hybriden verlief um einiges schneller als die von Menschen, ganz ohne Schlaf kamen aber auch sie nicht aus. 

Der Dämon streckte sich und gähnte dabei halbherzig in seinen Handrücken. Seine scharfen Eckzähne blitzten im hellen Tageslicht auf und die allmählich ansteigende Helligkeit blendete seine erschöpften Augen.  

Sein silberweißes Haar war ein Desaster aus krausen und verschwitzten Strähnen, die in den Stunden zuvor mal eine funktionale Frisur gewesen waren. Kalter Schweiß klebte überall an seinem Körper und er konnte es kaum erwarten sich zu reinigen.    

Als er begann, das große Schiebetor zu öffnen, waren seine rubinroten Augen halb geschlossen und boten keine Spur von dem scharfen und berechnenden Blick, den er sonst aufsetzte und der ihm seinen mehr oder weniger guten Ruf beschert hatte.    

Er war noch nicht bereit für Sonnenlicht. Oder Stimmen. Oder soziale Interaktionen.    

Vor allem aber nicht für die Gestalt, die direkt an seiner Schwelle stand. Wie war nochmal sein Name? Er hatte sich nicht vorgestellt in der Nacht, oder doch? Ezra starrte ihn an.    

Der Mensch lehnte an der Hauswand, die Hände in den Taschen seiner eng geschnittenen Cargohose. Er strahlte eine Lässigkeit aus, die im starken Widerspruch dazu stand, wie er vor gerade mal wenigen Stunden offiziell der Schmiede verwiesen wurde. Auf seinem Kopf thronte dieselbe schwarze Strickmütze, tief in die Stirn gezogen. Einige seine ungebändigten schwarzen Strähnen lugten hervor, standen in verschiedene Himmelsrichtungen ab und umspielten seine Wangen.    

Trotz der frühen Stunde gab er sich unerhört aufmerksam, nahezu erfrischt und komplett unbeeindruckt von dem starren Blick des Dämons, der auf ihm ruhte. Stahlblaue Augen starrten zurück in Rote.    

Ezra kniff die Augen stärker zusammen. Sein Gehirn benötigte einen Moment, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Es waren nicht einmal zwölf Stunden vergangen. Er hatte den… Kerl? Dämonenjäger? nicht so früh zurückerwartet. Die meisten Leute, die er verwarnte, kamen nie wieder. Und jene, die es doch taten, sammelten sich erst einmal einige Tage, bevor sie ihm ihre Verzweiflung erneut präsentierten.   

Aber dieser hier? Er sagte, dass er wieder kommen würde. Und offenbar meinte er sofort.    

Ezra schnaufte wenig amüsiert, die Müdigkeit nagte bereits an ihm. “Ernsthaft?”, krächzte er, die Stimme noch rau von der Nacht. “Es ist Morgen. Sonntag.” Der ungebetene Besucher öffnete den Mund – entweder für eine dumme Bemerkung oder eine umfangreiche Elaboration der Gründe seiner Anwesenheit – aber Ezra fiel ihm direkt ins unausgesprochene Wort.    

“Ich habe geschlossen.” war seine barsche Absage, als er das gerade geöffnete Tor direkt vor der Nase des Jägers wieder zurückschob und verriegelte.  “Und es bleibt bei nein!” Dies sollte seine endgültige Antwort zementieren.  

Der Dämon machte auf dem Absatz kehrt und stapfte in Richtung seiner privaten Räume, um sich der Dusche zu widmen, die er jetzt dringend brauchte. “Hartnäckiger Bastard…“   

In dem kleinen Badezimmer betrachtete er kurz missbilligend seine eigene Erscheinung. Genervt von der Tatsache, dass der Eindringling offenbar mehr Schneid besaß als so manch hohes Dämonenarschloch. Der Typ war tatsächlich zurückgekommen.  

Und verdammt noch mal, er würde es zweifellos wieder tun.